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ORIGINALAUSGABE
Taschenbuch, Broschur,
272 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-570-31372-5
Erschienen am  15. November 2021
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Reiner Engelmann: Hass und Versöhnung

Ein ehemaliger Neonazi und eine Holocaust-Überlebende begegnen sich

»Hass wird gelernt. Und wenn man Hass lernen kann, kann man auch lernen zu lieben.« Nelson Mandela

Emil ist wütend, dass er gegen seinen Willen umziehen muss. In der neuen Stadt lehnt der Jugendliche alles ab und zieht sich immer mehr zurück – bis ein Klassenkamerad ihm eine völlig neue Welt eröffnet: die Welt der rechten Musik. Die Texte voller Wut, Hass und Gewalt sprechen Emil aus der Seele. Über diesen Zugang rutscht er immer tiefer in die rechte Szene ab. Zusammen mit seinen Kameraden richtet er seine Wut gegen alle, die in seinen Augen anders und damit minderwertig sind. Seine zahlreichen Straftaten bringen ihn schließlich ins Gefängnis, was sich für Emil als große Chance erweist. Er nimmt an einem Aussteigerprogramm aus der rechten Szene teil und findet langsam den Weg zurück in die »normale« Welt. Dabei hilft ihm die Begegnung mit einer Frau, die als Kind den Holocaust überlebt hat. Die Zeitzeugin Anne erzählt Emil von ihren Erfahrungen, die sie durch jene menschenverachtende Macht der Nationalsozialisten machen musste, die Emil einmal verherrlicht hat – und öffnet ihm damit die Augen.

Ergreifend, besonders, hochaktuell – ein ehemaliger Neonazi und eine Überlebende des Holocaust erzählen sich gegenseitig ihre Geschichte

REZENSION VON PERLEN DER LITERATUR
28. November 2021

„Niemand wird mit dem Hass auf andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ethnischen Herkunft oder Religion geboren. Hass wird gelernt. Und wenn man Hass lernen kann, kann man auch lernen zu lieben. Die Liebe ist ein viel natürlicheres Empfinden im Herzen eines Menschen als ihr Gegenteil.“         Nelson Mandela

An die berichtenden Zeitzeugen schließt sich das zweite Buch, das ich hier von Reiner Engelmann vorstelle, an. In „Hass und Versöhnung – Ein ehemaliger Neonazi und eine Holocaust-Überlebende begegnen sich“ erzählt der Autor, aber auch der Protagonist Emil selbst, wie er von einem ganz normalen Jugendlichen in einer ganz normalen Familie in Deutschland zum Neonazi geworden ist. Er berichtet Schritt für Schritt, wodurch er in eine hörige Abhängigkeit zu bereits etablierten Männern, aber auch Frauen der Szene gekommen ist. Wir kennen Berichte aus dem Fernsehen, wenn sich durch diese Anhänger der Nazi-Ideologie Verbrechen ereignet haben, schütteln den Kopf und wollen damit am liebsten nichts zu tun haben. Umso wichtiger ist dieses Buch, dass uns den Weg zeigt, den jeden Jugendlichen treffen kann. Eltern, Lehrer und Jugendliche insbesondere, aber auch jeder Bürger kann durch diese Aufklärung Hintergrundwissen erfahren, und die Beweggründe besser verstehen lernen, wie es dazu kommt, dass ein intelligenter junger Mann sich zu Gewalttaten hinreißen lässt, welche Macht eine Gruppe Gleichgesinnter auf einen unsicheren Jugendlichen ausübt, welche Methoden dabei angewendet werden und wie verachtend nicht nur mit Juden, sondern vor allem auch mit ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern umgegangen wird. Und das sind keine Kavaliersdelikte, die die junge Neonazi-Generation ausübt, sondern schlimmste Verbrechen, begründet aus dem Halbwissen um gesellschaftliche Zusammenhänge, aus dem Nichtwissen von Fluchtgründen und eigener Interpretationen. Vordergründig spielen aber enorme persönliche Defizite eine Rolle, die diese Neonazis nicht reflektieren, sie aber in Gewalt transportieren. In jeder Stadt kommt das vor, in jedem Dorf können Ausschreitungen stattfinden. Emil beschreibt seinen Weg, seine Taten, seine Gefängnisstrafe und seine psychologische Begleitung, um aus dem Fadenkreuz der Neonazigesellschaft herauszukommen, körperlich, geistig sowieso. Dazu hat er sich auf ein Gespräch mit einer Holocaust-Überlebenden eingelassen und vis-à-vis mit dieser alten Dame eine ganz neue Erfahrung gemacht, dabei die Sichtweise einer Verfolgten zu spüren bekommen, an der er ein weiteres Stück emotional gereift ist. Der Dialog, der durch Rückblenden beider Gesprächspartner belebt wird, führt Emil Stück für Stück aus seiner noch nicht ganz aufgelösten engen Sichtweise zu einem Verständnis hin, das ihn mehr berührt, als er erwartet hat, und er beginnt, sich für seine frühere Gesinnung und für seine Taten zu schämen. Ihm wird durch dieses Gespräch vieles klar, wozu er sich in der Szene bekannt hat, wie widerwärtig er sich verhalten hat, und vor allem, welches Leid er ihm völlig fremden Menschen angetan hat. Er lernt, dass jeder Mensch ein Recht auf sein Leben, auf körperliche Unversehrtheit hat, und dass es keinen einzigen Grund gibt, einen Menschen auf der Straße grundlos anzugreifen, ihn zu verletzen oder gar zu töten.

Ein Pageturner, weil diese Offenheit von Emil nicht nur eine Geschichte ist, sondern weil diese Geschichte wahr ist, alles Erzählte tatsächlich geschehen ist und am Ende eine Sozialisierung möglich war. Einer ist gerettet und nun wird Emil gewissermaßen zu einem Überlebenden, der durch seine Geschichte aufklären, warnen und denen die Augen öffnen will, die bis heute nicht begriffen haben, was Gewalt nicht nur mit den Opfern, sondern auch mit den Tätern macht.

Mein herzlicher Dank gilt dem Autor Reiner Engelmann für die Übersendung der Bücher und vor allem seinem Engagement aufzuklären, und um künftiges Leid zu verhindern.

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